Aktuelle YouGov-Studie zum Jahrestag am 26. April in Kooperation mit dem SINUS-Institut

  • Jeder 5. (22 Prozent) sorgt sich heute vor einem Atomunfall
  • Lediglich 15 Prozent haben für einen atomaren Katastrophenfall vorgesorgt
  • 53 Prozent sind gegen den Atomausstieg, 40 Prozent dafür – Erneuerbare Energien werden jedoch stärker bevorzugt

Steigende Energiepreise und Angriffe auf kritische Infrastruktur haben die Atomkraftfrage wieder stärker ins Zentrum gerückt. Eine nukleare Gefahr wird nur von wenigen Menschen wahrgenommen, konkrete Vorsorgemaßnahmen gibt es kaum. Dabei erinnern sich viele an den Super-GAU, der den Alltag schlagartig veränderte: der Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986. Die Katastrophe war ein Moment massiver Verunsicherung, der das Leben von einem Tag auf den anderen veränderte. Vier Jahrzehnte später ist das Ereignis weiterhin tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher Widerspruch zwischen historischer Erfahrung, aktueller Einschätzung und persönlicher Notfallvorsorge. Eine repräsentative Online-Befragung von YouGov und dem SINUS-Institut zum Jahrestag der Katastrophe hat die Stimmungslage in Deutschland untersucht.

Tschernobyl prägt die Erinnerung, aber nicht das Verhalten

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, dem heute in der Ukraine liegenden Tschornobyl, ist im gesellschaftlichen Bewusstsein nach wie vor präsent: 93 Prozent haben davon bereits gehört – konkret können 48 Prozent der Befragten genau erklären, was damals geschehen ist, weitere 45 Prozent erinnern sich zumindest oberflächlich.

Falls bekannt, hatte das Ereignis bei einer knappen Mehrheit der Deutschen keine nachhaltige Wirkung: 53 Prozent geben an, dass Tschernobyl ihre grundsätzliche Einstellung zur Atomkraft nicht verändert hat. Besonders ausgeprägt ist dies bei AfD-Wählerinnen und -Wählern (86 Prozent), bei Grünen-Wählerinnen und -Wählern deutlich geringer (24 Prozent).

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Auch spielen Langzeitfolgen heute für die Mehrheit kaum eine Rolle – etwa beim Lebensmitteleinkauf: 75 Prozent machen sich selten oder nie Gedanken über eine mögliche Strahlenbelastung von Lebensmitteln wie Pilzen oder Wildfleisch, die selbst 40 Jahre nach der Atomkatastrophe noch erhöhte Werte aufweisen können. Befragte unter 50 Jahren zeigen sich dabei besonders unbesorgt.

Geringe Sorge um Atomunfall trotz gestiegenem Risiko

Dass es in Europa heute zu einem schweren Atomunfall kommen könnte, stimmt nur wenige besorgt: 71 Prozent machen sich überhaupt keine oder geringe Sorgen, immerhin 22 Prozent äußern sehr große bzw. große Sorgen. Gleichzeitig schätzen 59 Prozent, dass durch den Krieg in der Ukraine das Risiko eines Atomunfalls in Europa gestiegen ist. 39 Prozent sorgen sich konkret um die Sicherheit der stillgelegten Kraftwerkruine in Tschernobyl. Größere Verunsicherung verursacht hingegen die ungelöste Frage der Atommülllagerung aus: 54 Prozent haben hier Angst.

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Kaum Vorsorge für Ernstfall – weder privat noch staatlich

Entsprechend überrascht es nicht, dass die Menschen in Deutschland kaum für den Fall einer Atomkatastrophe vorgesorgt haben. Nur 15 Prozent geben an, Vorkehrungen getroffen zu haben (z.B. Lebensmittelvorräte, Jod-Tabletten). 25 Prozent haben sich immerhin informiert, was im Ernstfall zu tun oder zu unterlassen ist (z.B. Lüftung abschalten, Leitungswasser meiden).

Auch dem Staat wird wenig Vertrauen bei der Vorsorge entgegengebracht: Nur 14 Prozent sind der Ansicht, Deutschland wäre für den Fall einer Atomkatastrophe gut vorbereitet.

Atomkraft bleibt Spaltthema – Erneuerbare Energien werden bevorzugt

Wenn es um Atomkraft als Energiequelle geht, sind die Deutschen gespalten: 53 Prozent finden es falsch, dass Deutschland aus der Atomkraft ausgestiegen ist, 40 Prozent finden es hingegen richtig. Die Spaltung geht durch die Parteien der Schwarz-Roten Koalition: 62 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die bei der Bundestagswahl 2025 die SPD gewählt haben, finden den Atomausstieg richtig, 32 Prozent finden ihn falsch. Dagegen lehnen Wählerinnen und Wähler von CDU/CSU den Atomausstieg im Rückblick mehrheitlich ab: Nur 32 Prozent finden den Ausstieg richtig, 63 Prozent finden ihn falsch. Wählerinnen und Wähler der Grünen (richtig: 80 Prozent, falsch: 13 Prozent) und der Linken (richtig: 69 Prozent, falsch: 25 Prozent) stehen hinter dem Atomausstieg. Wählerinnen und Wähler der AfD finden den Atomausstieg dagegen eindeutig falsch (richtig: 9 Prozent, falsch: 90 Prozent).

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Unabhängig von der Frage, ob der Atomausstieg richtig oder falsch war, bevorzugen Deutsche Erneuerbare Energien gegenüber Atomenergie: 62 Prozent möchten, dass Solarenergie genutzt wird, 60 Prozent Windkraft und 50 Prozent Wasserkraft - Atomkraft folgt mit 39 Prozent. Auch Wählerinnen und Wähler von CDU/CSU bevorzugen erneuerbare Energiequellen. Gleichzeitig finden Argumente für Atomkraft durchaus Zuspruch: 52 Prozent befürworten Atomkraft im Dienst der Versorgungssicherheit, 50 Prozent mit dem Ziel geringerer Stromkosten und 44 Prozent im Sinne des Klimaschutzes.

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„In Zeiten von Energiekrise und Klimawandel hat die große Mehrheit der Menschen in Deutschland den Wandel hin zu den Erneuerbaren Energien vollzogen. Die Frage ist für die meisten nicht mehr, ob Deutschland auf Erneuerbare Energien setzt oder nicht, sondern wie Versorgung und Bezahlbarkeit sichergestellt werden. Und an dieser Stelle ist für einen Teil der Menschen die Atomkraft eine akzeptable Lösung“, ordnet Frieder Schmid, Account Director im Bereich Meinungsforschung bei YouGov, die Ergebnisse ein.

Zwischen Ablehnung und Pragmatismus: Einstellungen zu Atomkraft in Deutschlands Lebenswelten

Die Haltung gegenüber Atomkraft ist stark von den grundlegenden Lebenseinstellungen geprägt. Ein Blick auf die Sinus-Milieus verdeutlicht diesen Einfluss. In diesem Modell, das Menschen nach ihren Werten und Lebensstilen in „Gruppen Gleichgesinnter” zusammenfasst, lassen sich Milieus identifizieren, die Atomkraft besonders kritisch gegenüberstehen – und auch solche, die einen pragmatischen Zugang zur Nuklearenergie haben. Das verantwortungsbewusste Postmaterielle Milieu und das veränderungswillige Neo-Ökologische Milieu eint die Sorge um die Auswirkungen der Atomkraft. Sie lehnen diese Art der Energiegewinnung entsprechend klar ab. Dagegen bedauern die beiden Mitte-Milieus – die nutzenfokussierte Adaptiv-Pragmatische Mitte und das stabilitätsorientierte Nostalgisch-Bürgerliche Milieu - den Atomausstieg in Deutschland. „In den Mitte-Milieus wird Atomkraft nicht primär als Risiko, sondern als funktionale Option im Spannungsfeld von Versorgungssicherheit, Kosten und Klimazielen gesehen.“, so SINUS-Geschäftsführerin Dr. Silke Borgstedt.

Österreich ist Atomkraft-kritischer

Im Vergleich mit Österreich wird schnell deutlich, dass unser Nachbarland schon immer auf Atomkraft verzichtet – und aus meteorologischer und geographischer Perspektive bei der Katastrophe von Tschernobyl stärker betroffen war. Das hat das SINUS-Schwesterinstitut INTEGRAL für Österreich herausgefunden. So ist die Ablehnung der Atomkraft dort deutlich stärker ausgeprägt als hierzulande: 76 Prozent finden es richtig, dass Österreich auf Atomkraftwerke verzichtet (vs. 40 Prozent in Deutschland), für die Stromerzeugung wünschen sich 12 Prozent Atomkraft (vs. 39 Prozent). Zudem sind die Anteile jener, die Atomkraft mit Blick auf Klimaschutz, Kostenersparnis oder Versorgungssicherheit befürworten, nur halb so hoch wie in Deutschland.

Methodischer Hinweis

Diese Umfrage wurde von YouGov Deutschland als Eigenstudie auf Basis des YouGov Omnibus Politik durchgeführt. Die Daten dieser Befragung basieren auf Online-Interviews mit Mitgliedern des unternehmenseigenen YouGov Panels. Die Mitglieder des Panels haben der Teilnahme an Online-Interviews zugestimmt. Für diese Befragung wurden im Zeitraum 13. bis 16.03.2026 insgesamt 1.944 Personen in einer repräsentativen Stichprobe, quotiert nach Alter, Geschlecht, Region, Wahlverhalten, Bildung und politisches Interesse, befragt. Die Stichprobe bildet die Wohnbevölkerung Deutschlands ab 18 Jahren hinsichtlich dieser Quotenmerkmale ab.

Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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