Einwanderungsbegrenzung und verschärfte Regeln für den Zivildienst: Das erste YouGov Schweiz Stimmungsbarometer zu den eidgenössischen Abstimmungen vom 14. Juni

YouGov Schweiz präsentiert die Ergebnisse der ersten Umfrage zu den bevorstehenden Abstimmungen. Dafür wurden zwischen dem 21. April und 4. Mai 3'020 Personen aus dem Online-Panel von YouGov Schweiz befragt. Die Momentaufnahme zeigt, wie beide Vorlagen aktuell von der Stimmbevölkerung bewertet werden.

Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze – Summary

Der Ausgang beider Abstimmungen ist derzeit noch offen. Bei der «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP liegt das Nein-Lager mit 46 Prozent aktuell hauchdünn vor dem Ja-Lager mit 45 Prozent. 8 Prozent der Stimmberechtigten sind noch unentschlossen und könnten damit zum entscheidenden «Zünglein an der Waage» werden.

Ein Blick auf die kantonalen Ergebnisse zeigt jedoch: Laut unserem Schätzmodell liegt der Ja-Anteil in vielen Kantonen, insbesondere in der Westschweiz, derzeit klar unter der 50-Prozent-Marke. Nur in wenigen Kantonen zeichnet sich ein klares Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative ab, während in den meisten übrigen Kantonen die Zustimmung so nah an den 50-Prozent liegt, dass aufgrund der statistischen Unsicherheit nicht eindeutig bestimmt werden kann, ob die Initiative diese Marke aktuell über- oder unterschreiten würde. Berücksichtigt man diese Befunde in der aktuellen Patt-Situation, sprechen leicht mehr Indizien dafür, dass die Initiative bei einer Abstimmung zum heutigen Zeitpunkt abgelehnt würde.

Der einflussreichste Grund für ein Nein zur «Nachhaltigkeitsinitiative», ist die Sorge vor einem Ende der bilateralen Verträge und einem Bruch mit der EU. Der wirkungsvollste Treiber, um mit Ja zu stimmen, ist die Wahrnehmung, dass die Infrastruktur nicht mit dem aktuellen Bevölkerungswachstum mithalten kann und dadurch überlastet ist.

Auch bei der Abstimmung über die Änderung des Zivildienstgesetzes zeigt sich ein ähnliches Patt zwischen Befürwortenden und Ablehnenden. Würde heute abgestimmt, wäre ebenfalls offen, ob die Vorlage angenommen oder abgelehnt würde. 41 Prozent sprechen sich derzeit für ein Ja aus, 40 Prozent für ein Nein. Gleichzeitig sind noch 19 Prozent der Stimmberechtigten unentschlossen.

Ein Blick auf die kantonalen Stimmungsbilder deutet jedoch darauf hin, dass der geschätzte Ja-Anteil in der grossen Mehrheit der Kantone klar unter der 50-Prozent-Marke liegt. Insgesamt spricht diese Momentaufnahme dafür, dass die Gesetzesänderung zum aktuellen Zeitpunkt eher scheitern als angenommen würde.

Ausschlaggebend für den individuellen Abstimmungsentscheid ist dabei vor allem die gesellschaftliche Bedeutung, welche die Stimmberechtigten entweder dem Militärdienst – was eher zu einer Zustimmung führt – oder dem Zivildienst – was eher zu einer Ablehnung führt – beimessen.

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Ausführliche Ergebnisse

Um was geht es in den nächsten Abstimmungen?

Am Sonntag, den 14. Juni 2026, entscheiden die stimmberechtigten Schweizerinnen und Schweizer über eine Begrenzung der Zuwanderung («Nachhaltigkeitsinitiative») sowie eine Änderung des Zivildienstgesetzes.

Die «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP verlangt, dass die Bevölkerungszahl der Schweiz unter der Marke von 10 Millionen Menschen bleibt. Um dies zu erreichen, fordert sie einschneidende Massnahmen in der Zuwanderungspolitik.

Die Änderung des Zivildienstgesetzes soll hingegen den Übertritt vom Militär- in den Zivildienst erschweren, insbesondere nach der Rekrutenschule. Zu diesem Zweck ist vorgesehen, den Zivildienst weniger attraktiv zu gestalten, etwa durch eine Erhöhung der Mindestanzahl an Diensttagen.

Wie ist das aktuelle Stimmungsbild in der Bevölkerung?

Bevor der Abstimmungskampf in die heisse Phase eintritt, liefert das aktuelle Stimmungsbarometer von YouGov Schweiz eine Momentaufnahme der Stimmungslage der Bevölkerung. Eine detaillierte Beschreibung der verwendeten Modellierungsmethode (MRP – Mehrebenen-Regressionsmodell mit Poststratifikation), auf der unsere Schätzungen basieren, findet sich im Abschnitt Methodische Erläuterungen.

Obwohl es noch mehr als 5 Wochen bis zum Abstimmungswochenende sind, ist das subjektive Informationsniveau bei der «Nachhaltigkeitsinitiative» bereits vergleichsweise hoch. 44 Prozent der Befragten fühlen sich aktuell gut bis sehr gut über die Abstimmung informiert (Werte von 7 bis 10 auf einer Skala von 0 bis 10). Beim Zivildienstgesetz fühlt sich hingegen noch ein Drittel kaum informiert (Werte von 0 bis 3). Die Gründe dafür dürften damit zusammenhängen, dass 28 Prozent der Befragten angeben, vor der Umfrage noch gar nicht mit den Inhalten der Abstimmung über das Zivildienstgesetz in Kontakt gekommen zu sein. Dagegen haben 61 Prozent bereits in den Medien etwas über die «Nachhaltigkeitsinitiative» erfahren und für 38 Prozent war die Initiative bereits Thema privater Diskussionen. Hinsichtlich offizieller Informationen zeigt sich hingegen keine ausgeprägte Differenz zwischen den Abstimmungsvorlagen: Rund ein Viertel der Befragten ist bereits mit offiziellen Informationen in Kontakt gekommen.

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Deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung der beiden Abstimmungsthemen treten auch bei der Bewertung der Wichtigkeit und Komplexität auf. 67% der Schweizerinnen und Schweizer finden die Abstimmung über die «Nachhaltigkeitsinitiative» wichtig (Werte von 7 bis 10 auf einer Skala von 0 bis 10). Nur 7 Prozent finden sie nicht wichtig (Werte von 0 bis 3). Die Abstimmung über das Zivildienstgesetz wird dagegen nur von 44 Prozent als wichtig empfunden, während 13 Prozent sie als nicht wichtig wahrnehmen.

Gleichzeitig wird die «Nachhaltigkeitsinitiative» auch als komplexer eingestuft als die Abstimmung über das Zivildienstgesetz (46 Prozent vs. 31 Prozent). Lediglich etwa ein Fünftel der Befragten ist jeweils der Meinung, das entsprechende Abstimmungsthema sei nicht komplex.

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«Nachhaltigkeitsinitiative»:

Der deutlich stärkere Fokus der Stimmbevölkerung auf die «Nachhaltigkeitsinitiative» spiegelt sich auch in den Abstimmungsabsichten wider. Nur 8 Prozent können oder möchten sich zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht festlegen. Da die Ja- und Nein-Anteile derzeit mit rund 45 bzw. 46 Prozent unter Berücksichtigung der statistischen Unsicherheit praktisch gleichauf liegen, könnten die Unentschlossenen bei einer Abstimmung zum jetzigen Zeitpunkt das entscheidende «Zünglein an der Waage» darstellen.

Frauen weisen dabei im Vergleich zu Männern eine leicht höhere Unentschlossenheit auf. Die Nein-Anteile liegen in beiden Gruppen bei 46 Prozent. Der Ja-Anteil läge aktuell innerhalb der weiblichen Stimmbevölkerung bei 44 Prozent und damit tiefer als bei den Männern (47 Prozent). Unter Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren zeigt sich somit, dass Frauen etwas zögerlicher in ihrer Zustimmung zur «Nachhaltigkeitsinitiative» sind als Männer.

Auch zwischen verschiedenen Altersgruppen lassen sich leichte Unterschiede erkennen. Tendenziell ist die Zustimmung unter jüngeren (18 bis 29-Jährige) und älteren (60+) Stimmberechtigten am tiefsten. Letztere würden die Initiative mit einen Nein-Anteil von 53% sogar eindeutig ablehnen. In den mittleren Altersgruppen liegen die Ja-Anteile dagegen leicht höher. Der Migrationshintergrund einer stimmberechtigten Person hat dagegen keinen genuinen Einfluss auf die Abstimmungsentscheidung, wenn für andere Faktoren kontrolliert wird. Ob jemand selbst einen Migrationshintergrund hat oder nicht, spielt bei der Zustimmung zur Initiative, die eine strenge Begrenzung der Zuwanderung fordert, per se keine entscheidende Rolle.

Einen besonders Starken Einfluss hat hingegen die Parteipräferenz. 86 Prozent der SVP-Anhängerinnen und Anhänger würden aktuell für die Annahme der Initiative stimmen, während 83 Prozent der SP-Anhängerschaft mit Nein stimmen würde. Auch unter den Wählerinnen und Wählern von GLP und den Grünen ist die Ablehnung der Initiative sehr stark ausgeprägt. In den Lagern von Mitte und FDP würde jeweils etwa ein Drittel für die Annahme stimmen.

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Zivildienstgesetz

Im Falle des Zivildienstgesetzes zeigt sich eine breitere Koalition der Parteienanhängerschaften für die Annahme der Vorlage. Sowohl die Wählenden von SVP als auch FDP und Mitte würden mehrheitlich dafür stimmen. Während im GLP-Lager Ja- und Nein-Anteile näher zusammen liegen (42 respektive 45 Prozent), würden aktuell zwei Drittel der Grünen- und SP-Anhängerschaften dagegen stimmen.

Deutlich ausgeprägt sind auch die Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Die jüngste Gruppe weist die geringste, die älteste die höchste Zustimmungsrate zur vorgeschlagenen Gesetzesänderung auf. Dabei beträgt die Differenz der Ja-Anteile zwischen diesen beiden Gruppen über 20 Prozentpunkte. Ebenfalls erkennbar, wenn auch etwas weniger stark ausgeprägt ist der Unterschied in der Zustimmung zwischen Befragten mit und ohne Migrationshintergrund. Unter letzteren liegt der Ja-Anteil etwas höher.

Verglichen mit der «Nachhaltigkeitsinitiative» besteht beim Zivildienstgesetz ein deutlich ausgeprägterer Unterschied zwischen den Abstimmungsabsichten von Frauen und Männern. Während nur etwa jede dritte Frau momentan dem Gesetz zustimmen würde, ist bei den Männern knapp jeder zweite für die Gesetzesänderung, um den Wechsel in den Zivildienst weniger attraktiv zu machen.

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Jenseits der Prozentwerte: das Warum hinter den Abstimmungsabsichten

Ein umfassendes Stimmungsbild sollte nicht nur Auskunft darüber geben, wie viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aktuell für oder gegen eine Initiative stimmen würden, sondern auch warum. Um die Gründe hinter den Abstimmungsabsichten zu verstehen, wurden die Teilnehmenden der Umfrage daher gebeten, ihre Abstimmungsabsicht in einer offenen Antwort zu begründen. Diese Texte haben wir mittels Natural Language Processing (NLP) ausgewertet. Mit der Methode können Themenfelder identifiziert, ihre Nennhäufigkeit erfasst und ihr Einfluss auf Zustimmung bzw. Ablehnung quantifiziert werden. So ergeben sich aus freien Antworten strukturierte Einsichten über Motive und Prioritäten – inklusive seltener, aber besonders wirkungsvoller Argumente.

Die Ergebnisse aus der Analyse der offenen Begründungen zum Abstimmungsverhalten bei der Nachhaltigkeitsinitiative zeigen, dass die Zustimmung von wenigen, aber besonders einflussreichen Themen getragen wird: Insbesondere der Aspekt der wahrgenommenen Überlastung der Infrastruktur im Zuge des Bevölkerungswachstums ist eine gewichtige Begründung für die Absicht, mit Ja stimmen zu wollen. Demgegenüber ist die Ablehnung weniger klar gebündelt und verteilt sich auf mehrere, vergleichsweise weniger einflussreiche Treiber. Die grösste Wichtigkeit für eine ablehnende Haltung findet sich in Begründungen, die Bezug auf die EU nehmen. Insgesamt zeigt die NLP-Analyse, dass die Beweggründe der Befürwortenden der «Nachhaltigkeitsinitiative» auf eine klarere Argumentationsbasis stützen, während die Ablehnenden fragmentierter und diverser argumentieren.

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Beim Zivildienstgesetz zeigt die Analyse der offenen Begründungen der Abstimmungsabsicht eine klare Gegenüberstellung der Argumentationslogiken: Die Zustimmung wird vor allem mit einer staats- und sicherheitspolitischen Bedeutung des Militärdienstes begründet. Die Ablehnung hingegen konzentriert sich stark auf den Zivildienst selbst, insbesondere auf dessen gesellschaftlichen Nutzen, der als zentraler und zugleich emotionaler Treiber wirkt.

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Pro und contra: Welche Argumente aus den Debatten überzeugen?

Insbesondere im Falle der «Nachhaltigkeitsinitiative» dauern die öffentlichen Diskussionen um die Folgen, die eine Annahme für die Schweiz hätte, schon deutlich länger als der aktuellen Abstimmungskampf. Im YouGov Stimmungsbarometer haben wir daher neben der offenen Begründung der Abstimmungsabsicht die Teilnehmenden auch nach ihrer Zustimmung zu je sechs Argumenten befragt, die in den bisherigen Debatten häufig zu finden sind. Die Zustimmung konnte jeweils auf einer Skala von 0 («überhaupt nicht einverstanden») bis 10 («voll und ganz einverstanden») abgegeben werden.

In der Diskussion um die «Nachhaltigkeitsinitiative» erhält das Argument des Initiativkomitees, durch die starke Zuwanderung leide die Schweiz an «Dichtestress» die höchste Zustimmung von allen Argumenten. 52 Prozent stimmen der Aussage zu (d.h., sie geben einen Wert zwischen 7 und 10). 45 Prozent sind dagegen überzeugt, die Initiative gefährde die Personenfreizügigkeit und damit die Bilateralen Verträge mit der EU im Allgemeinen, wodurch der Schweiz ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden drohe. Wenig überzeugend (27 Prozent Zustimmung) findet die Stimmbevölkerung allerdings das Argument, die Initiative würde durch die Kündigung internationaler Verträge zu einer Zunahme der Asylgesuche in der Schweiz führen.

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Die Debatte um das Zivildienstgesetz wird deutlich weniger intensiv geführt als die Diskussion um die «Nachhaltigkeitsinitiative». Mit 50 Prozent Zustimmung sticht trotzdem ein Argument deutlich heraus: Die Hälfte der Befragten ist der Meinung, es nütze nichts, den Zivildienst unattraktiver zu machen. Stattdessen müsse der Militärdienst attraktiver werden. Auch das Argument mit der zweithöchsten Zustimmungsrate ist ein Argument gegen die Änderung des Gesetzes. 44 Prozent stimmen der Aussage zu, Zivildienstleistende erbrächten wichtige Dienste für die Gesellschaft und das geänderte Gesetz würde den Personalmangel im sozialen Bereich verschärfen.

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Differenzierte Insights dank Schätzung der Abstimmungsabsichten auf kantonaler Ebene

Mithilfe des MRP-Modells können wir nicht nur auf Bundes- sondern auch auf kantonaler Ebene schätzen, wie die Abstimmungen aktuell ausgehen würden. Dabei werden kantonale Charakteristiken berücksichtigt, gleichzeitig jedoch die Gesamtheit der Befragungsdaten genutzt, um die momentanen Abstimmungsabsichten in allen Kantonen zu schätzen. So können wir auch für Kantone mit geringer Bevölkerungsgrösse Ergebnisse ausweisen.

Wichtig ist dabei zu betonen, dass es sich um Schätzungen handelt. Das heisst, die Ergebnisse sollten nicht als exakte Prognose für jeden einzelnen Kanton missverstanden werden. Vielmehr erlauben sie, Muster zu untersuchen und aufzudecken, worin sich manche Kantone ähneln und andere unterscheiden. Wir differenzieren dabei zwischen Kantonen mit unsicherer Schätzbasis und Kantonen, bei denen die Schätzung zu keinem eindeutigen Ergebnis kommt. Ersteres bedeutet, dass aufgrund der verfügbaren Datenbasis und Modelperformanz für bestimmte Kantone die Schätzung mit besonderer Vorsicht zu geniessen ist. Zweiteres hingegen bedeutet, dass in einem Kanton das geschätzte Ergebnis nicht eindeutig über oder unter der 50 Prozent-Grenze für die Annahme einer Vorlage liegt.

Bei der «Nachhaltigkeitsinitiative» zeigt sich in den meisten Kantonen der Deutschschweiz sowie im Tessin ein solches uneindeutiges Bild. Hier lässt sich der geschätzte Ja-Anteil aufgrund der statistischen Unsicherheit nicht eindeutig über oder unter 50 Prozent verordnen. In der Westschweiz sowie in den Basler Kantonen, in Luzern und in Zürich bliebe die geschätzte Zustimmung dagegen eindeutig unter 50 Prozent, wenn bereits heute abgestimmt würde. Insofern zeigt der Blick in die Kantone nicht nur den klassischen «Röstigraben», sondern liefert auch ein dezentes Indiz, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Ablehnung der Initiative das leicht wahrscheinlichere Resultat wäre.

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Deutlicher stellt sich die Situation im Falle des Zivildienstgesetzes dar. Hier liegt der geschätzte Ja-Anteil aktuell in der grossen Mehrzahl der Kantone eindeutig unter der 50 Prozent Grenze. Nur in vereinzelten Fällen in der Ost- und Zentralschweiz ist das Ergebnis entweder uneindeutig oder aber klar über 50 Prozent. Auch hier spricht also die Schätzung des Ja-Stimmenanteils auf kantonaler Ebene eher dafür, dass die Gesetzesänderung zum gegenwärtigen Zeitpunkt abgelehnt würde.

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Was bedeutet das für die Abstimmungen am 14. Juni?

Das Stimmungsbarometer von YouGov Schweiz macht deutlich, dass bei beiden eidgenössischen Abstimmungen vom 14. Juni das Rennen offen ist. Einzelne Aspekte geben zwar Hinweise darauf, dass zum aktuellen Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung der «Nachhaltigkeitsinitiative» leicht höher ist als die Annahme, doch lassen sich aus dem momentanen knappen Resultat kaum Schlüsse auf die Dynamiken bis zum Abstimmungswochenende ziehen. Viel wird davon abhängen, wie erfolgreich die SVP es schafft, ausserhalb ihres Kernklientels die Stimmbevölkerung von ihrer Initiative zu überzeugen und wie gut es der Gegenseite gelingt, ihre Argumente gegen die Zustimmung wirkungsvoll zu platzieren.

Auch im Falle des Zivildienstgesetzes scheint momentan die Annahme etwas unwahrscheinlicher als die Ablehnung. Aufgrund des geringen Informationsstands in der Stimmbevölkerung und der aktuell hohen Rate an Unentschlossenheit, dürfte es jedoch auch hier insbesondere auf die heisse Phase des Abstimmungskampfes ankommen. Da der «Nachhaltigkeitsinitiative» sowohl in der Stimmbevölkerung als auch in der medialen Öffentlichkeit die deutlich grössere Aufmerksamkeit zukommt, ist davon auszugehen, dass sich viele Schweizerinnen und Schweizer erst kurz vor dem 14. Juni festlegen werden, wie sie über die Änderung des Zivildienstgesetzes abstimmen wollen.

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Methodische Erläuterungen

Die oben präsentierten Resultate basieren auf einer Umfrage, die die YouGov Schweiz AG (ehemals LINK Marketing Services AG) als Eigenstudie mittels Online-Interviews unter den Mitgliedern des unternehmenseigenen Schweizer YouGov Panels durchgeführt hat. Die Mitglieder des Panels sind aktiv rekrutiert und haben der Teilnahme an Online-Interviews zugestimmt. Für diese Befragung wurden im Zeitraum zwischen dem 21. April und 4. Mai 2026 insgesamt 3’020 Personen in einer repräsentativen Stichprobe, quotiert nach Alter, Geschlecht und Sprachregion, befragt. Die Stichprobe bildet die Grundgesamtheit der stimmberechtigten Bevölkerung der Schweiz ab 18 Jahren hinsichtlich dieser Quotenmerkmale ab. Die präsentierten Werte der aktuellen Abstimmungsabsicht wurden mittels MRP-Modellierung berechnet, alle anderen abgebildeten Daten sind gewichtete Werte. Die Gewichtung basiert auf den Variablen Alter, Geschlecht, Sprachregion, Erwerbstätigkeit und Haushaltsgrösse. Bei einer fünfprozentigen Irrtumswahrscheinlichkeit liegt der Stichprobenfehler bei ±1.78 Prozent.

MRP-Modellierung

Die Schätzung der Abstimmungsabsichten erfolgte mit einem sogenannten Mehrebenen-Regressionsmodell mit Poststratifikation (MRP). Dabei wird in einem statistischen Verfahren die Beziehung zwischen einer Vielzahl von Merkmalen potenzieller Abstimmungsteilnehmerinnen und -teilnehmer und ihrer Präferenzen – d.h., ob sie bei einem Abstimmungsthema (aktuell eher) mit ja oder nein abstimmen würden – geschätzt. Das Modell identifiziert so unterschiedliche Gruppen der Stimmbevölkerung, für die die Wahrscheinlichkeit, mit ja oder nein zu stimmen, berechnet wird. Als Gruppen berücksichtigen wir die verschiedensten Kombinationen aus Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Parteipräferenz und Kanton.

Zunächst wird die Teilnahmewahrscheinlichkeit an den Referenden für alle kombinierten Gruppen geschätzt. Anschliessend folgt eine Schätzung des Abstimmungsverhaltens der Gruppen bei den Referenden. Für Gruppen, für die nur wenige Beobachtungen zur Verfügung stehen, kann die Mehrebenenregression die Schätzung durch die Daten von ähnlichen Gruppen verstärken. Die Vorhersage auf Gruppenebene wird mit Hilfe der bekannten Bevölkerungsanteile (Daten des BFS Schweiz) und der vorhergesagten Teilnahmewahrscheinlichkeit auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Wie bei jeder Messung mit Befragungsdaten ist die MRP-Modellierung der Abstimmungsabsicht mit Unsicherheit behaftet. Daher geben wir für die Ja-Anteile jeder Abstimmung «Konfidenzintervalle» an, denn die Ja-Anteile sind schlussendlich ausschlaggebend, ob eine Vorlage angenommen oder abgelehnt wird. Das Konfidenzintervall soll mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent den wahren Anteil einschliessen. Einfach ausgedrückt – wenn auch in der Sprache der frequentistischen Statistik nicht ganz exakt – ist zu beachten, dass der wahre Wert mit grösserer Wahrscheinlichkeit näher in der Mitte des Intervalls liegt als an dessen Rändern.

Mit der MRP-Modellierung der Abstimmungsabsichten möchten wir einen Beitrag zur grösseren Vielfalt und Transparenz in der Meinungsforschung leisten. Neben den inhaltlichen Erkenntnissen, die unsere Analysen der Öffentlichkeit bieten, präsentieren wir einen neuen Vergleichswert, der es ermöglicht, verschiedene Umfrageansätze und deren Ergebnisse besser einzuordnen. Wir sind uns bewusst, dass MRP-Modelle bei der Analyse von Abstimmungsumfragen in der Schweiz einen relativ neuen methodischen Ansatz darstellen. Wir arbeiten stetig daran, unsere Methoden zu prüfen und zu verbessern. Als empirisch arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fühlen wir uns dazu verpflichtet, innovative Methoden einzusetzen und zu testen, um die Messung von politischen Präferenzen und politischer Stimmung zu verbessern und Ergebnisse zur Verfügung zu stellen, die zeigen, was die Welt denkt.

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Die Grafiken können hier kostenlos heruntergeladen werden.

Foto: Alessandro Della Valle/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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