Vom Verzicht zur Balance: Verbraucher suchen alltagstaugliche Gesundheitslösungen statt strenger Regeln – OTC-Massmarket wächst um 15 Prozent

Der deutsche Gesundheitsmarkt erlebt einen fundamentalen Wandel: Statt Selbstoptimierungsdruck suchen Verbraucher nach Balance und alltagstauglichen Lösungen. Das zeigt eine aktuelle Analyse von YouGov Shopper. Der Umsatz im Gesundheitssegment im FMCG-Bereich wuchs 2025 um 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – getrieben von einem neuen Verständnis von Wohlbefinden, das weit über Ernährung hinausgeht.

„Wir beobachten einen Paradigmenwechsel vom Müssen zum Wollen. Es geht darum, dass die Menschen flexibel und frei entscheiden wollen. Dafür ist eine Vielfalt notwendig und auch gewünscht. Die neue Freiheit zu wählen, zeigt sich u.a. bei dem Trend Alkoholfrei, der mit +13 Prozent dynamisch wächst. Das heißt aber nicht, dass Haushalte keinen Alkohol mehr konsumieren: Fast die Hälfte aller Bier-Käufer kaufen sowohl alkoholhaltiges als auch alkoholfreies Bier.“

Anna-Katharina Kraus
Commercial Director Advanced Solutions bei YouGov

Protein-Boom erklärt sich durch multiple Bedürfnisse

Auch der Umsatzanstieg bei Protein-Produkten um 30 Prozent im Jahr 2025 gegenüber 2024 baut auf einem großen Wachstum in den Vorjahren auf und verdeutlicht diese Multidimensionalität: Der Erfolg von High-Protein-Produkten liegt darin, dass sie das Bedürfnis nach Selbstoptimierung und ein generell höheres Gesundheitsbewusstsein unterstützen.

Gleichzeitig sind die Produkte vor allem auch ein Lifestyle-Aspekt, mit dem man sich leicht identifizieren kann und den man selbst inszeniert – insbesondere über Marken wie more, die um über 200 Prozent gewachsen sind. Zudem erleichtern zahlreiche Protein-Produkte die gesunde Ernährung im Alltag als Snack zwischendurch, wie der Protein-Riegel oder auch der körnige Frischkäse.

„Der Erfolg von Protein zeigt: Ein Trend bedient immer mehrere Bedürfnisdimensionen gleichzeitig", so Anna-Katharina Kraus.

OTC im Massmarket wächst weiter

Besonders dynamisch entwickelt sich der Markt für Selbstmedikation / OTC im Massenmarkt: Mit einem Wachstum von 15 Prozent in 2025 im Vergleich zu 2024 erreichte der OTC-Massmarket ein Volumen von 1,4 Milliarden Euro. Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Intensivierung: Der Anteil der Shopper, die vier oder mehr OTC-Segmente (wie z.B. Vitamine / Mineralstoffe, Magen / Verdauung oder Beruhigung / Nerven) parallel kaufen, stieg in vier Jahren von 18 auf 25 Prozent.

Hierbei sind es vor allem jüngere Käufer bis 29 Jahre aber auch die älteren ab 60 Jahren, die den Markt treiben und überproportionale Umsatzanteile im Vergleich zum Gesamt-FMCG aufzeigen. Jeder zweite Haushalt kauft mindestens einmal pro Jahr eine der Top-Nahrungsergänzungsmittel-Marken im Lebensmitteleinzelhandel oder Drogeriemarkt – das sind über 20 Millionen Haushalte.

Beauty-Nahrungsergänzungsmittel: Der neue Mega-Hype

Besonders explosiv entwickeln sich Beauty-Nahrungsergänzungsmittel: Kollagen-Produkte im OTC-Massmarket waren 2025 in 2,8 Millionen FMCG-Trips enthalten – ein Anstieg um das Siebenfache gegenüber 2024 – „Beauty von innen" verbindet Gesundheit mit Lifestyle und Selbstinszenierung.

Abnehmspritzen verstärken bestehende Trends

Auch GLP-1-Medikamente (Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy) spielen eine wachsende Rolle: Bereits 5 Prozent der Haushalte nutzen solche Produkte, weitere 5 Prozent zeigen Interesse – zusammen rund 4 Millionen Haushalte. In Verwender-Haushalten zeigt sich ein signifikanter Mengenrückgang bei der Nachfrage nach Nahrungsmitteln.

„Während Nahrungsergänzungsmittel den Körper unterstützend und langfristig begleiten, steigt die Akzeptanz für Abnehmspritzen, mit denen bewusst und direkt in den Stoffwechsel eingegriffen wird. Die dadurch entstehenden Bedürfnisse eröffnen trotz des Mengenrückgangs erhebliche Wachstumspotenziale: Die Nachfrage nach kleineren Portionen, funktionaler Anreicherung, nährstoffreichen und kalorienarmen Produkten wird die Trends, die wir jetzt schon sehen, weiter verstärken. Der Handel kann diese Entwicklung aktiv gestalten."

Fabian Braumüller
Senior Consultant bei YouGov
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