Zum Hitze-Start in den Sommer 2026 zeigen aktuelle YouGov-Daten ein bemerkenswertes Paradox: Eine große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hält den (menschengemachten) Klimawandel für real, doch die Bedeutung des Themas ist für sie in den letzten Jahren stark gesunken. Neue YouGov-Daten zeigen, was der Bedeutungsverlust mit "Klimaaversion" zu tun hat.
Klimawandel verliert in der Prioritätenliste an Bedeutung
Was jahrelang eines der Top-Themen in Politik und Gesellschaft war, hat in der Prioritätenliste der Deutschen deutlich an Bedeutung verloren. Während Ende 2021 noch etwa ein Drittel (34 Prozent) der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland Umwelt- und Klimaschutz als eines der drei wichtigsten Themen in Deutschland genannt haben, tun dies Mitte 2026 nur noch 16 Prozent der Befragten.
Nicht nur die Bedeutung des Klimawandels in der gesellschaftlichen Prioritätensetzung nimmt ab, auch die persönliche Sorge um den Klimawandel verliert an Intensität. 2021 lag der Anteil der Menschen, die sich als sehr oder etwas besorgt um den Klimawandel bezeichneten, noch bei 66 Prozent, 2026 sind es 63 Prozent. Dabei fällt auf, dass in diesem Zeitraum vor allem der Anteil der „sehr“ Besorgten von 33 Prozent auf 29 Prozent gefallen ist. Auf der anderen Seite geben 2026 34 Prozent der Befragten an, diesbezüglich überhaupt nicht oder eher weniger besorgt zu sein. 2022 waren es nur 27 Prozent, die diese Angabe machten.
Betrachtet man die Wählergruppen der Bundestagswahl 2025, wird sichtbar, dass Wählerinnen und Wähler der Grünen (96 Prozent), von Die Linke (87 Prozent) und der SPD (83 Prozent) besonders besorgt sind (sehr besorgt + etwas besorgt). Unter Wählerinnen und Wählern der AfD sorgt sich hingegen nur ein Viertel (25 Prozent) um den Klimawandel. Im zeitlichen Vergleich seit der Bundestagswahl 2025 fällt auf, dass Wählerinnen und Wähler der Grünen die einzige Wählergruppe sind, die sich gleichbleibend als „sehr besorgt“ bezeichnen (2025: 69 Prozent, 2026: 69 Prozent). Bei allen anderen Wählergruppen lässt zumindest die Intensität der Sorge nach. Trotzdem liegt der Anteil derjenigen, die angeben mindestens etwas besorgt zu sein, bei allen Parteien außer der AfD bei über 50 Prozent.
Konsens über den menschengemachten Klimawandel bleibt stabil auf hohem Niveau
Trotz Einbußen in der Priorisierung bleibt der Glaube an den Klimawandel in den letzten Jahren stabil. 90 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich das Klima verändert. 70 Prozent sind der Ansicht, dass dies aufgrund menschlicher Aktivitäten geschieht. Im Vergleich zu 2022 nimmt die Zustimmung zur Aussage „Das Weltklima verändert sich aufgrund menschlicher Aktivitäten.“ sogar um 7 Prozentpunkte zu (2022: 63 Prozent; 2026: 70 Prozent). Doch auch hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Wählergruppen. Unter Wählerinnen und Wählern der Grünen glauben lediglich 3 Prozent, dass sich das Weltklima nicht oder nicht aufgrund menschlicher Aktivitäten verändert, während über die Hälfte der Wählerinnen und Wähler der AfD (56 Prozent) diese Ansicht vertreten. In anderen Wählergruppen liegt der Anteil derjenigen, die nicht an die (menschengemachten) Veränderungen des Klimawandels glauben, bei jeweils unter einem Fünftel (Union: 16 Prozent, SPD: 11 Prozent, Die Linke: 9 Prozent).
Die Daten zeigen also ein Paradox: Während der Konsens über den menschengemachten Klimawandel in großen Teilen der Bevölkerung stabil bleibt, nimmt die Bedeutung des Themas für Bürgerinnen und Bürger dennoch drastisch ab. Wie passt das zusammen?
Neue Dimension: Klimaaversion statt Klimaskepsis
Daten zum Thema Klimaaversion aus dem aktuellen YouGov Omnibus Politik können einen Hinweis darauf geben, dass Teile der wahlberechtigten Bevölkerung das Thema zu verdrängen versuchen. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) geben an, das Gefühl zu haben, beim Thema Klimawandel nichts bewirken zu können. Ähnlich viele (55 Prozent) berichten, sich nicht aktiv über den Klimawandel zu informieren, und ein relevanter Teil (41 Prozent) macht sogar die Angabe, dass er versucht, nicht über den Klimawandel nachzudenken. Umgekehrt trifft auf ein gutes Drittel (35 Prozent) die Aussage nicht zu: „Ich habe das Gefühl, beim Thema Klimawandel nichts bewirken zu können“, vier von zehn (41 Prozent) geben an, sich aktiv über das Thema zu informieren, Und gut die Hälfte (52 Prozent) verneinte, bewusst zu versuchen, nicht über den Klimawandel nachzudenken.
Gleichzeitig zeigt sich ein gespaltenes Bild bezüglich der Beurteilung der Lösbarkeit: 43 Prozent glauben, dass der Klimawandel noch wirksam bekämpft werden kann, während 44 Prozent dieser Aussage nicht zustimmen. Uneindeutig ist auch die Wahrnehmung der medialen Präsenz: 43 Prozent der Befragten finden, dass die Klimadebatte in Politik und Medien nicht genug Raum einnimmt, während 48 Prozent gegenteiliger Meinung sind. Dabei zeigen sich auch hier klare Unterschiede zwischen den Wählergruppen: Während beispielsweise unter Wählerinnen und Wählern der Grünen (87 Prozent) und von Die Linke (69 Prozent) jeweils eine eindeutige Mehrheit der Auffassung ist, die Klimadebatte nehme nicht genug Raum ein, sind es unter SPD-Wählerinnen und -Wählern nur etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent). Unter Wählerinnen und Wählern von CDU/CSU (34 Prozent) sowie der AfD (15 Prozent) sind sogar deutlich weniger als die Hälfte dieser Ansicht.
Verdrängung als Reaktion auf Ohnmacht
Neben anderen möglichen Erklärungen wie einem Gewöhnungseffekt oder der Konkurrenz durch andere gesellschaftliche Krisen deuten die Daten darauf hin, dass der Klimawandel in Teilen der Bevölkerung nicht geleugnet, sondern vielmehr verdrängt wird. Obwohl Bürgerinnen und Bürger die Existenz und den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel überwiegend anerkennen, gehen damit häufig Gefühle der Ohnmacht sowie Zweifel an der Bekämpfbarkeit des Klimawandeln einher.
Methode:
Die vorliegenden Daten wurden von YouGov Deutschland als Eigenstudien im YouGov Omnibus Politik durchgeführt. Sie basieren auf Online-Interviews mit Mitgliedern des unternehmenseigenen YouGov Panels. Die Mitglieder des Panels haben der Teilnahme an Online-Interviews zugestimmt.
Für die aktuelle Befragung im Omnibus Politik wurden im Zeitraum vom 12. bis 15.06.2026 insgesamt 2.154 Personen befragt. Für die Zeitreihendaten wurden verschiedene Erhebungszeitpunkte seit 2021 hinzugezogen, an denen jeweils zwischen n=1.253 und n=2.503 Befragte teilgenommen haben.
Die Stichproben wurden nach Alter, Geschlecht, Bildung, Region, Wahlverhalten und politischem Interesse quotiert und die Ergebnisse anschließend entsprechend gewichtet. Die Stichproben bilden die Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren hinsichtlich dieser Quotenmerkmale ab.
