Aktuelle YouGov Studie "Who Cares? Who Does? Health Report – GLP-1 Special Edition"

In Zeiten der Unsicherheit wenden sich Menschen verstärkt dem zu, was sie kontrollieren können. Diese Kontrolle verlagert sich zunehmend auf den eigenen Körper.

In ganz Europa ist Gesundheit heute eher ein aktives Projekt als ein passiver Zustand. Nur einer von zehn Europäern berichtet, keine gesundheitlichen Sorgen zu haben, während 47 Prozent sich um ihr Körpergewicht sorgen. Damit ist das Körpergewicht das häufigste Gesundheitsthema, noch vor Stress (34 Prozent) und Schlaf (33 Prozent).

Diese Verschiebung bildet den Kontext für den Aufstieg von GLP-1-Medikamenten wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Ihr Erfolg ist Ausdruck tiefgreifender Veränderungen in der Art und Weise, wie Menschen Wohlbefinden, Kontrolle und Selbstoptimierung verstehen.

Dies zeigen Daten aus dem aktuellen "Who Cares? Who Does? Health Report – GLP-1 Special Edition" von YouGov Shopper.

Gewichtsabnahme als zentraler Gesundheitshebel

Gewichtsmanagement ist zu einer der größten gesundheitlichen Sorgen in Europa geworden. Dahinter stehen sowohl steigende Adipositas-Raten als auch ein wachsendes Bewusstsein für die langfristigen gesundheitlichen Folgen von Übergewicht.

In den EU-Ländern liegt der Anteil übergewichtiger Menschen je nach Land zwischen etwa 40 und über 60 Prozent. Gleichzeitig sind die Adipositas-Raten in den letzten Jahren weiter gestiegen (Quelle: Eurostat, 2025). Gewichtsabnahme ist damit kein reines Lifestyle-Thema mehr, sondern ein zentraler Ansatzpunkt, um langfristige Gesundheit zu verbessern.

Traditionelle Methoden zur Gewichtsreduktion werden jedoch häufig als aufwendig und schwer dauerhaft umzusetzen wahrgenommen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Lösungen, die schnellere und besser planbare Ergebnisse versprechen – ein Umfeld, in dem GLP-1-Medikamente eine besondere Rolle einnehmen.

Von der Nische zur Masse: Der Aufstieg von GLP-1

GLP-1-Medikamente zur Gewichtsabnahme haben sich innerhalb kurzer Zeit von einem medizinischen Spezialthema zu einem breiten gesellschaftlichen Trend entwickelt. Bereits 2025 kannten 48 Prozent der europäischen Verbraucher Ozempic (siehe Trend Reality Report 2025 von YouGov).

Die Bekanntheit unterscheidet sich jedoch deutlich zwischen Bevölkerungsgruppen und Ländern: Sie ist höher bei der Gen Z sowie beispielsweise in den nordischen Ländern, Großbritannien und Österreich. In Dänemark erreicht sie mit 71 Prozent den höchsten Wert. Bei Boomern sowie in Märkten wie Ungarn und Frankreich ist sie dagegen geringer.

Auch wirtschaftlich ist die Entwicklung bereits relevant. GLP-1-Nutzer repräsentieren in Europa eine Kaufkraft von rund 70 Milliarden Euro im FMCG-Bereich (siehe „Who Cares? Who Does? Health Report 2025“).

In vier Schlüsselmärkten – Italien, den Niederlanden, Deutschland und Polen – nutzen derzeit bis zu 3,6 Millionen Haushalte GLP-1-Medikamente. Bezieht man Verbraucher ein, die planen, innerhalb der nächsten sechs Monate mit der Nutzung zu beginnen, könnte sich diese Nutzerbasis kurzfristig verdoppeln.

Wichtig für den Handel ist hierbei, dass sich GLP-1-Interessenten, also jene Verbraucher, für die GLP-1 in Frage kommt, Vorlieben und Gewohnheiten zeigen, die sich bei der Nutzung der GLP-1-Medikamente wahrscheinlich ändern werden:

Mehr Snacking: Deutsche GLP-1-Interessenten gaben in den vergangenen sechs Monaten durchschnittlich 23 € pro Käufer für pikante Snacks aus – gegenüber 16 € im Bevölkerungsdurchschnitt.

Weniger Obst und Gemüse: Italienische Interessenten gaben im gleichen Zeitraum rund 115 € für Obst und Gemüse aus – gegenüber 150 € im Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Auswirkung von GLP-1 geht über reduzierten Appetit hinaus. Während viele Nutzer von kleineren Portionen, weniger Snacking und verlängerter Sättigung berichten, liegt die wichtigere Verschiebung in der Entscheidungsfindung.

Weniger „Food Noise“ – also weniger ständige Gedanken an Essen – führt nicht einfach zu weniger Konsum, sondern zu bewussterem Konsum. Verbraucher wählen gezielter aus.

Die YouGov-Kaufdaten zeigen hinter dem Mengenrückgang auf FMCG-Gesamtperspektive Verschiebungen bei Ausgaben und Mengen zwischen den Kategorien. In den Niederlanden beispielsweise gingen die Ausgaben von GLP-1-Nutzern über 169 FMCG-Kategorien hinweg nur um 1 Prozent zurück, während die gekauften Mengen um 5 Prozent sanken. Das deutet auf eine stärkere Wertorientierung beim Einkauf hin.

Besonders sichtbar sind Rückgänge in klassischen Genuss- und Snackkategorien:

  • Kartoffel-Knabbergebäck: In Deutschland gingen die Mengen pro Haushalt um 25 Prozent zurück, während sogar 5 Prozent gänzlich aufhörten, Chips zu kaufen.
  • Erfrischungsgetränke: Die Mengen sanken deutlich, etwa um 24 Prozent bei fruchtigen Erfrischungsgetränken und um 30 Prozent bei Eistee in den Niederlanden.
  • Alkohol: In Italien gingen Weinkäufe deutlich zurück, während der Wasserkonsum stieg.

Gleichzeitig gewinnen gesundheitsorientierte Kategorien an Bedeutung:

Mehr Obst und Gemüse: Italienische Kurzzeitnutzer von GLP-1-Medikamenten steigerten ihre Ausgaben für Obst und Gemüse nach Beginn der Behandlung von 145 € auf 165 €. In der Gesamtbevölkerung stiegen sie im gleichen Zeitraum nur um 4 €.

Mehr frisches Protein: In den Niederlanden stieg das gekaufte Geflügelvolumen pro Käufer innerhalb von sechs Monaten um 12 Prozent – von 4,1 kg auf 4,6 kg. Nutzer, die GLP-1-Medikamente bereits länger als ein Jahr verwenden, kaufen im selben Zeitraum 7 kg.

Auch Nebenwirkungen beeinflussen das Konsumverhalten. 20 Prozent der GLP-1 Nutzer in allen untersuchten Ländern berichten von Verdauungsproblemen. In Deutschland ist die OTC-Kategorie (rezeptfreie Medikamente) in den vergangenen sechs Monaten um 13 Prozent gewachsen.

„GLP-1 ist weit mehr als ein medizinischer Trend – es ist ein Katalysator für eine grundlegende Neuausrichtung im Konsumverhalten. Was wir in den Daten sehen, ist nicht allein ein Rückgang der Einkaufsmengen, sondern eine Verschiebung zu bewussteren, funktionsorientierteren Kaufentscheidungen. Mahlzeiten werden zu kleineren Zwischenmahlzeiten mit relevanten Nährwerten. Anstatt ungesunder Snacks werden mehr gesunde Alternativen gesucht. Für Handel und Hersteller bedeutet das: Mehrwert bieten. Produkte, die Genuss und Funktion verbinden, sind kein Widerspruch, sondern bieten attraktive Positionierungen und werden als smarte Lösungen wahrgenommen. GLP-1 Nutzung ist dabei ein Teil des gesamten Gesundheitspuzzles und wird perspektivisch weiter an Bedeutung gewinnen."

Tina Löwe
Senior Consultant bei YouGov
Abonnieren Sie den YouGov-Newsletter