Das erste YouGov Schweiz Stimmungsbarometer zu den eidgenössischen Abstimmungen am 27. September

Noch gut zwei Monate bleiben bis zu den eidgenössischen Abstimmungen vom 27. September. Doch wie ist die Stimmung in der Bevölkerung bereits heute? Das erste YouGov Schweiz Stimmungsbarometer zeigt für beide Vorlagen aktuell einen offenen Ausgang.

Für die Umfrage wurden zwischen dem 15. und 27. Juli 2026 insgesamt 1’229 Personen aus dem Online-Panel von YouGov Schweiz befragt. Die Ergebnisse liefern eine erste Momentaufnahme darüber, wie die beiden Initiativen aktuell wahrgenommen werden und wo die grössten Konfliktlinien verlaufen.

Zwei Initiativen, zwei offene Rennen

Ende September stimmt die Schweiz über zwei Volksinitiativen ab. Die Neutralitätsinitiative fordert eine strengere Auslegung und verfassungsrechtliche Verankerung der Schweizer Neutralität. Die Ernährungsinitiative verlangt, dass mehr Lebensmittel in der Schweiz hergestellt werden und sich die Produktion stärker auf pflanzliche Ernährung ausrichtet.

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Würde schon heute abgestimmt, wäre bei beiden Vorlagen mit einem knappen Ausgang zu rechnen. Gemäss der MRP-Schätzung liegt bei der Neutralitätsinitiative das Ja-Lager derzeit mit 40 Prozent leicht vor dem Nein-Lager mit 38 Prozent. Gleichzeitig können oder möchten sich jedoch 22 Prozent der Stimmberechtigten noch nicht festlegen.

Auch bei der Ernährungsinitiative zeichnet sich noch kein klares Bild ab. Aktuell überwiegt das Nein-Lager mit 43 Prozent gegenüber 39 Prozent Zustimmung. Mit 17 Prozent Unentschlossenen bleibt jedoch auch hier erhebliches Potenzial für Verschiebungen im weiteren Abstimmungskampf.

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Viele haben sich noch kaum mit den Vorlagen beschäftigt

Ein Blick auf den Informationsstand liefert eine Erklärung für die hohen Anteile Unentschlossener. Vier von zehn Stimmberechtigten fühlen sich derzeit nicht gut über die Neutralitätsinitiative informiert. Bei der Ernährungsinitiative ist der Wert mit 43 Prozent sogar noch etwas höher.

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Entsprechend geben 40 Prozent der Befragten an, bisher noch gar nicht mit der Neutralitätsinitiative in Berührung gekommen zu sein. Bei der Ernährungsinitiative liegt dieser Anteil bei 42 Prozent. Wer bereits Informationen erhalten hat, nennt vor allem Medienberichte sowie Diskussionen im privaten Umfeld als häufigste Informationsquellen.

Trotz des ähnlich begrenzten Wissensstands wird die Bedeutung der beiden Vorlagen unterschiedlich eingeschätzt. Die Neutralitätsinitiative wird von 61 Prozent der Befragten als wichtig bewertet und geniesst damit deutlich höhere Relevanz als die Ernährungsinitiative, die von 52 Prozent als wichtig eingestuft wird. Etwas weniger deutlich fallen die Unterschiede bei der wahrgenommenen Komplexität aus. 44 Prozent halten die Neutralitätsinitiative für komplex, bei der Ernährungsinitiative sind es 39 Prozent.

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Sprachregionen und Parteibindung prägen die Meinungen

In den aktuellen Ergebnissen spielen klassische demografische Merkmale wie Geschlecht oder Alter nur eine untergeordnete Rolle. Auffällig ist allerdings, dass jüngere Stimmberechtigte häufiger noch keine feste Meinung zu den Vorlagen gebildet haben.

Deutlich stärker unterscheiden sich die Abstimmungsabsichten zwischen den Sprachregionen. In der Deutschschweiz weisen beide Initiativen derzeit die tiefsten Ja-Anteile auf. Besonders bei der Neutralitätsinitiative zeigt sich hingegen eine höhere Zustimmung in der Romandie und vor allem in der italienischsprachigen Schweiz.

Noch klarer werden die Unterschiede beim Blick auf die Parteianhängerschaften. Bei der Neutralitätsinitiative stehen sich die politischen Lager fast spiegelbildlich gegenüber: Während 76 Prozent der SVP-Wählerschaft derzeit ein Ja einlegen würden, lehnen 63 Prozent der Grünen-Anhängerschaft die Vorlage ab.

Bei der Ernährungsinitiative ergibt sich das umgekehrte Bild. Die Grünen sind aktuell die einzige Partei, deren Wählerschaft die Vorlage mehrheitlich unterstützt. 66 Prozent ihrer Anhängerinnen und Anhänger würden heute mit Ja stimmen. In allen anderen Parteilagern liegt die Zustimmung unter 50 Prozent, bei der SP mit 47 Prozent jedoch nur knapp darunter. Besonders gering fällt sie bei den Wählerschaften von Mitte und FDP aus, wo jeweils lediglich 28 Prozent die Initiative unterstützen. Auffällig in diesem Zusammenhang sind auch die 37 Prozent der SVP-Anhängerschaft, die aktuell trotz der deutlichen ablehnenden Haltung ihrer Partei für die Ernährungsinitiative stimmen würden.

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Einigkeit dort, wo Konflikte zu erwarten wäre

Auf den ersten Blick stehen sich demnach die beiden Initiativen politisch weitgehend gegenüber. Die Neutralitätsinitiative findet ihre stärkste Unterstützung im bürgerlich-konservativen Lager, während die Ernährungsinitiative vor allem bei ökologisch orientierten Wählerinnen und Wählern Anklang findet. Umso bemerkenswerter ist, dass dennoch 23 Prozent der Befragten, die bereits wissen, wie sie abstimmen möchten, beiden Vorlagen zustimmen würden.

Die offenen Antworten zur Begründung der Abstimmungsabsichten zeigen, dass hinter dieser Kombination häufig als gemeinsames Grundmotiv der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz steht.

So betrachten diese Stimmberechtigten die Neutralitätsinitiative als Beitrag zu einer eigenständigen Schweizer Aussenpolitik, die sich konsequent aus militärischen Bündnissen und geopolitischen Auseinandersetzungen heraushält. Gleichzeitig verbinden sie mit der Ernährungsinitiative das Ziel, die Versorgungssicherheit des Landes zu stärken und die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten zu verringern.

Die Zustimmung zu beiden Vorlagen beruht damit weniger auf einer klassischen Links-Rechts-Positionierung als auf einem übergeordneten Leitgedanken. Die Schweiz soll sowohl aussenpolitisch als auch bei der Lebensmittelversorgung möglichst autark und krisenresistent sein. Gerade dieser gemeinsame Nenner erklärt, weshalb sich in den Ergebnissen Überschneidungen zwischen Anhängerschaften zeigen, die politisch ansonsten selten dieselben Positionen vertreten.

Was bedeutet das für die bevorstehenden Abstimmungen?

Das erste YouGov Schweiz Stimmungsbarometer zeigt, dass die Meinungsbildung zwei Monate vor dem Urnengang bei beiden Vorlagen noch am Anfang steht. Die Anteile der Unentschlossenen sind hoch, und ein grosser Teil der Bevölkerung hat sich bislang nur am Rande mit den Initiativen beschäftigt.

Für die Befürworter wie auch für die Gegner beider Vorlagen eröffnet dies Chancen. Wer die öffentliche Debatte in den kommenden Wochen prägt und die bisher unentschlossenen Stimmberechtigten erreicht, könnte entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der Abstimmungen nehmen. Eine wichtige Rolle könnte hierbei auch die Mobilisierung über die politischen Parteien spielen.

YouGov Schweiz wird die Entwicklung der öffentlichen Meinung bis zum Abstimmungssonntag weiter verfolgen und sichtbar machen, wie sich die Kräfteverhältnisse im Verlauf des Abstimmungskampfs verschieben.

Methodische Erläuterungen

Die oben präsentierten Resultate basieren auf einer Umfrage, die die YouGov Schweiz AG (ehemals LINK Marketing Services AG) als Eigenstudie mittels Online-Interviews unter den Mitgliedern des unternehmenseigenen Schweizer YouGov Panels durchgeführt hat. Die Mitglieder des Panels sind aktiv rekrutiert und haben der Teilnahme an Online-Interviews zugestimmt. Für diese Befragung wurden im Zeitraum zwischen dem 15. und 27. Juli 2026 insgesamt 1’229 Personen in einer repräsentativen Stichprobe, quotiert nach Alter, Geschlecht und Sprachregion, befragt. Die Stichprobe bildet die Grundgesamtheit der stimmberechtigten Bevölkerung der Schweiz ab 18 Jahren hinsichtlich dieser Quotenmerkmale ab. Die präsentierten Werte der aktuellen Abstimmungsabsicht wurden mittels MRP-Modellierung berechnet, alle anderen abgebildeten Daten sind gewichtete Werte. Die Gewichtung basiert auf den Variablen Alter, Geschlecht, Sprachregion, Erwerbstätigkeit und Haushaltsgrösse. Bei einer fünfprozentigen Irrtumswahrscheinlichkeit liegt der Stichprobenfehler bei ±2.8 Prozent.

MRP-Modellierung

Die Schätzung der Abstimmungsabsichten erfolgte mit einem sogenannten Mehrebenen-Regressionsmodell mit Poststratifikation (MRP). Dabei wird in einem statistischen Verfahren die Beziehung zwischen einer Vielzahl von Merkmalen potenzieller Abstimmungsteilnehmerinnen und -teilnehmer und ihrer Präferenzen – d.h., ob sie bei einem Abstimmungsthema (aktuell eher) mit ja oder nein abstimmen würden – geschätzt. Das Modell identifiziert so unterschiedliche Gruppen der Stimmbevölkerung, für die die Wahrscheinlichkeit, mit ja oder nein zu stimmen, berechnet wird. Als Gruppen berücksichtigen wir die verschiedensten Kombinationen aus Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Parteipräferenz und Kanton.

Zunächst wird die Teilnahmewahrscheinlichkeit an den Referenden für alle kombinierten Gruppen geschätzt. Anschliessend folgt eine Schätzung des Abstimmungsverhaltens der Gruppen bei den Referenden. Für Gruppen, für die nur wenige Beobachtungen zur Verfügung stehen, kann die Mehrebenenregression die Schätzung durch die Daten von ähnlichen Gruppen verstärken. Die Vorhersage auf Gruppenebene wird mit Hilfe der bekannten Bevölkerungsanteile (Daten des BFS Schweiz) und der vorhergesagten Teilnahmewahrscheinlichkeit auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Wie bei jeder Messung mit Befragungsdaten ist die MRP-Modellierung der Abstimmungsabsicht mit Unsicherheit behaftet. Daher geben wir für die Ja-Anteile jeder Abstimmung «Konfidenzintervalle» an, denn die Ja-Anteile sind schlussendlich ausschlaggebend, ob eine Vorlage angenommen oder abgelehnt wird. Das Konfidenzintervall soll mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent den wahren Anteil einschliessen. Einfach ausgedrückt – wenn auch in der Sprache der frequentistischen Statistik nicht ganz exakt – ist zu beachten, dass der wahre Wert mit grösserer Wahrscheinlichkeit näher in der Mitte des Intervalls liegt als an dessen Rändern.

Mit der MRP-Modellierung der Abstimmungsabsichten möchten wir einen Beitrag zur grösseren Vielfalt und Transparenz in der Meinungsforschung leisten. Neben den inhaltlichen Erkenntnissen, die unsere Analysen der Öffentlichkeit bieten, präsentieren wir einen neuen Vergleichswert, der es ermöglicht, verschiedene Umfrageansätze und deren Ergebnisse besser einzuordnen. Wir sind uns bewusst, dass MRP-Modelle bei der Analyse von Abstimmungsumfragen in der Schweiz einen relativ neuen methodischen Ansatz darstellen. Wir arbeiten stetig daran, unsere Methoden zu prüfen und zu verbessern. Als empirisch arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fühlen wir uns dazu verpflichtet, innovative Methoden einzusetzen und zu testen, um die Messung von politischen Präferenzen und politischer Stimmung zu verbessern und Ergebnisse zur Verfügung zu stellen, die zeigen, was die Welt denkt.

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