YouGov-Studie vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland 2026 in Kooperation mit dem SINUS-Institut

  • Jeder 3. Ostdeutsche und jeder 4. Westdeutsche wünscht sich nach Landtagswahlen einen AfD-Ministerpräsidenten.
  • Ostdeutsche erklären ihre Unzufriedenheit mit struktureller Benachteiligung – Westdeutsche mit enttäuschten Erwartungen.
  • Ost und West sind sich einig: Der ständige Vergleich zwischen Ost und West treibt Deutschland auseinander.

Große Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, fehlende wirtschaftliche Dynamik und Erstarken der AfD – unter diesen Vorzeichen blickt Deutschland auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt (06.09.2026) sowie Berlin und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils am 20.09.2026). Mit repräsentativen Online-Befragungen in Ost- und West-Deutschland haben YouGov und das SINUS-Institut die Stimmung untersucht.

Hohe gesamtdeutsche Bedeutung der Landtagswahlen – Stärkstes Gefühl: Besorgnis, gefolgt von Neugier und Hoffnung

Die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern werden als gesamtdeutsche Angelegenheit wahrgenommen: Drei Viertel der Befragten in Ost (77 Prozent) und West (74 Prozent) schreiben den drei Herbstwahlen eine große Bedeutung für ganz Deutschland zu.

Wenn die Deutschen an die Wahlen denken, überwiegt das Gefühl der Besorgnis – sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland (Ost: 37 Prozent, West: 40 Prozent). Mit Abstand folgen Neugier (Ost: 23 Prozent, West: 22 Prozent) und Hoffnung – im Osten (23 Prozent) sogar häufiger genannt als im Westen (15 Prozent). Gleichgültigkeit (Ost: 9 Prozent, West: 11 Prozent) sowie Müdigkeit / Genervtheit (Ost: 11 Prozent, West: 10 Prozent) sind jeweils vergleichbar wenig verbreitet. Enttäuschung, Wut, Begeisterung sowie Schadenfreude empfinden jeweils noch weniger Befragte, wobei kaum Ost-West-Unterschiede auszumachen sind.

null

Verbreitete Erwartung: AfD wird Ministerpräsidenten stellen - und weiter an Bedeutung gewinnen

Dass die AfD nach den Wahlen im September 2026 erstmals einen Ministerpräsidenten stellen wird, erwarten 43 Prozent im Osten und 38 Prozent im Westen. Der explizite Wunsch nach einem AfD-Ministerpräsidenten nach den Wahlen ist jedoch deutlich geringer ausgeprägt (Ost: 35 Prozent, West: 25 Prozent). Mehrheiten in Ost und West glauben: Es ist im Grunde egal, was andere Parteien tun – die AfD wird weiter an Bedeutung gewinnen (Ost: 67 Prozent, West: 62 Prozent).

null

Mehr als zwei Drittel der Befragten sehen die Demokratie in Deutschland in Gefahr – im Osten noch stärker (71 Prozent) als im Westen (66 Prozent). Die Gefahr von rechts bereitet dabei mehr Sorgen (Ost: 55 Prozent, West: 63 Prozent) als die Gefahr von links (Ost: 51 Prozent, West: 50 Prozent) – ein Befund, der sich schon in früheren Befragungen von SINUS und YouGov gezeigt hat.

Die Demokratie-Enttäuschung eint beide Landesteile: Fast die Hälfte der jeweilig Befragten findet, dass die Demokratie in Deutschland vor zehn Jahren besser funktioniert hat als heute (Ost: 48 Prozent, West, 49 Prozent). Auch der Blick in die Zukunft ist pessimistisch: so erwartet fast die Hälfte (Ost: 46 Prozent, West: 45 Prozent) eine weitere Verschlechterung in der Funktionsweise der Demokratie in den nächsten zehn Jahren.

In der Bewertung, welchen Einfluss die AfD auf die Demokratie hat, unterscheiden sich Ost und West hingegen deutlicher: Im Westen urteilt eine klare Mehrheit negativ (61 Prozent negativ vs. 29 Prozent positiv), im Osten hingegen sind die Befragten gespalten (46 Prozent negativ vs. 43 Prozent positiv).

„Bürgerinnen und Bürger glauben, dass die Demokratie immer schlechter funktioniert. Für fast die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger aus den ostdeutschen Bundesländern ist die AfD ein Hebel, daran etwas zu ändern. Dabei wird übersehen, dass genauso viele die AfD für schlecht für die Demokratie halten. Sollte die AfD nach den Landtagswahlen in Regierungsverantwortung kommen, wird das also für viele Menschen im Osten die Unzufriedenheit mit der Demokratie nicht lösen.“

Frieder Schmid
Account Director Political Research bei YouGov

Gegenwart vs. Vergangenheit – Ost und West erklären die schlechte Stimmung in Ostdeutschland unterschiedlich

In Politik, Medien und Wissenschaft werden verschiedene Erklärungen diskutiert, warum viele Menschen im Osten mit der Politik unzufrieden sind. Legt man den Befragten gängige Erklärungen zur Beurteilung vor, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Ost und West:

Ostdeutsche Befragte stimmen strukturellen und biografischen Erklärungen besonders stark zu: Materielle Benachteiligung bei Löhnen und Renten, fehlende Anerkennung der eigenen Lebensleistung und wahrgenommene Überfremdung durch Zuwanderung und Wertewandel werden im Osten deutlich stärker wahrgenommen als im Westen.

  • Löhne, Renten und Erbschaften sind im Osten bis heute geringer als im Westen (54 Prozent Zustimmung Ost, 36 Prozent West)
  • Was Menschen im Osten in ihrem Leben aufgebaut und geleistet haben, wird bis heute nicht anerkannt (37 Prozent Ost, 18 Prozent West)
  • Viele fühlen sich durch Zuwanderung und gesellschaftliche Veränderungen fremd in der eigenen Heimat (37 Prozent Ost, 35 Prozent West)
  • Auf den wichtigen Posten in Politik, Medien und Wirtschaft sitzen meistens Menschen aus dem Westen (28 Prozent Ost, 16 Prozent West)

Unter westdeutschen Befragten sind hingegen historisch-psychologische Erklärungen für die Unzufriedenheit im Osten überrepräsentiert: Enttäuschte Erwartungen nach dem Mauerfall und die politische Sozialisation in der DDR werden im Westen häufiger genannt als im Osten selbst.

  • Nach dem Mauerfall wurden viele Erwartungen auf ein besseres Leben enttäuscht – das sitzt bis heute tief (44 Prozent Zustimmung West, 36 Prozent Ost)
  • Das Misstrauen gegenüber dem Staat aus DDR-Zeiten ist bei vielen geblieben (31 Prozent West, 20 Prozent Ost)
  • In der DDR konnte man nicht erleben, wie Demokratie im Alltag funktioniert – das wirkt bis heute (21 Prozent West, 11 Prozent Ost)

Unterschiede zwischen Ost und West werden zu stark betont

Dass ihre Unzufriedenheit in Medien und Politik übertrieben dargestellt wird, findet zugleich fast die Hälfte der Ostdeutschen (47 Prozent) – im Westen sagt das nur gut ein Drittel (37 Prozent).

In einem Punkt sind sich Ost und West aber bemerkenswert einig: Mehr als drei Viertel der Befragten sind überzeugt, dass der ständige Vergleich zwischen den Landesteilen die Menschen in Deutschland auseinandertreibt (Ost: 82 Prozent, West: 75 Prozent). Knappe Mehrheiten finden zudem, Ost- und Westdeutsche seien sich ähnlicher als in Medien und Politik dargestellt (Ost: 56 Prozent, West: 54 Prozent) und die Unterschiede zwischen den Menschen seien übertrieben dargestellt (Ost: 53 Prozent, West: 50 Prozent).

null

Ost-West-Unterschiede sind häufig Unterschiede zwischen Lebenswelten

Sind die Unterschiede zwischen Ost und West wirklich regional bedingt – oder steckt etwas anderes dahinter? Die Analyse nach Sinus-Milieus gibt eine klare Antwort. Auf dieser „Landkarte der Gesellschaft“ werden Menschen nach ihren Werten und sozialer Lage in zehn „Gruppen Gleichgesinnter” zusammengefasst, die in Ost und West existieren.

Dr. Silke Borgstedt, Geschäftsführerin des SINUS-Instituts, sagt: „Gleiche Milieus in Ost und West ticken ähnlicher als verschiedene Milieus aus derselben Region.“ So haben etwa Menschen im Nostalgisch-Bürgerlichen Milieu in Bayern und Sachsen-Anhalt deutlich mehr gemeinsam als Menschen in Sachsen-Anhalt, die unterschiedlichen Milieus angehören. Konkret zeigt sich dies bei politischen Einstellungen, aber auch in Lebensstilen, Konsummustern oder Kommunikationsvorlieben. Zudem: Alle zehn Sinus-Milieus existieren in Ost- als auch West-Deutschland, jedoch sind manche Milieus im Osten stärker vertreten als im Westen.

Anders verhält es sich bei historisch-identitären Fragen: „Die Bewertung der DDR-Geschichte oder das Gefühl, von Westdeutschen herablassend behandelt zu werden, sind genuine Ost-Erfahrungen. Hier spielt die regionale Prägung die entscheidende Rolle und die Milieu-Zugehörigkeit tritt in den Hintergrund“, erläutert Dr. Silke Borgstedt.

null

37 Jahre nach dem Mauerfall: Glücksfall ja, eine Nation nein

Bei aller Kritik ist die Haltung zur Wiedervereinigung positiv: 63 Prozent der West-Deutschen und 67 Prozent der Ost-Deutschen halten den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung für einen Glücksfall für das Land. Nur eine Minderheit (Ost, West: jeweils 11 Prozent) wünscht sich die Mauer und ein geteiltes Deutschland zurück. Allerdings finden nur 33 Prozent der Ostdeutschen und 43 Prozent der Westdeutschen, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung zu einer Nation zusammengewachsen ist.

Dennoch halten sich alte Klischees hartnäckig: 71 Prozent der Ostdeutschen vertreten die Meinung, Westdeutsche täten immer noch so, als wüssten sie alles besser („Besser-Wessis“). 43 Prozent der Westdeutschen sind der Ansicht, Ostdeutsche würden nach wie vor mehr jammern („Jammer-Ossis“). Dass der Sozialismus in der DDR eine gute Idee war, die nur schlecht umgesetzt wurde, glauben 50 Prozent der Ostdeutschen, aber nur 23 Prozent der Westdeutschen.

Die Frage, wer von wem lernen könnte, findet eine bemerkenswerte Antwort: Dass der Westen vom Osten lernen könnte, finden 78 Prozent der Ostdeutschen und 47 Prozent der Westdeutschen. Umgekehrt – d.h. dass der Osten vom Westen lernen kann – glauben dies deutlich weniger (Ost: 31 Prozent, West: 41 Prozent).

Methodischer Hinweis

Die Daten dieser Befragung basieren auf Online-Interviews mit Mitgliedern des YouGov Panels, die der Teilnahme vorab zugestimmt haben. Für diese Befragung auf Basis des YouGov Omnibus Politik wurden im Zeitraum 23.06. bis 03.07.2026 insgesamt 3.144 Personen befragt, davon 1.571 Personen aus Ostdeutschland (ostdeutsche Bundesländer inkl. Berlin) und 1.573 Personen aus Westdeutschland (westdeutsche Bundesländer). Die Erhebung wurde für Ost- und Westdeutschland separat nach Alter, Geschlecht, formaler Bildung, Bundesland, Urbanisierungsgrad, politischem Interesse und Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2025 quotiert und die Ergebnisse anschließend entsprechend gewichtet. Die Ergebnisse sind jeweils repräsentativ für die Wohnbevölkerungen in Ostdeutschland (ostdeutsche Bundesländer inkl. Berlin) und Westdeutschland (westdeutsche Bundesländer).

Die Pressegrafiken können hier kostenlos heruntergeladen werden.

Foto: Ronny Hartmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Abonnieren Sie den YouGov-Newsletter